Zwei Jahre mit dem Kemper-Amp: meine Erfahrungen

2018 habe ich hier im MoWa-Blog über meine neueste Errungenschaft, den Kemper-Amp berichtet. Nach zwei Jahren Live-Einsatz ein guter Grund, diesen Beitrag zu aktualisieren und ein Resümee zu ziehen.



Vor der Digitalisierung


Eigentlich bin ich einer der größten Verstärkerpuristen die es gibt. Ein guter Röhrenverstärker ist und bleibt einfach etwas Wunderbares. Punkt. Leider gibt es auch Nachteile. Jahrelang kämpfte ich als mit dem verdammten Sound- & Lautstärke-Problem. Früher habe ich einen Vox AC15 mit einer kleinen „Pedal-Armee“ davor gespielt und war nie wirklich zufrieden mit meinem Sound. Ständig bastelte ich an meinem Pedalboard herum. Richtig geil klang mein Röhrenamp halt nur voll „aufgerissen“. Im Live-Einsatz beschwerte sich der Toni laufend “Hey dreh mal deinen Amp leiser!”. Tja, das war’s dann wieder mit meinem Sound.


Die Gesamtlautstärke auf der Bühne ist für einen guten Bühnensound entscheidend. Darüber habe ich schon in meinem Artikel – guter Sound in kleinen Locations – ausführlich geschrieben.


Sind Röhrenverstärker der heilige Gitarren-Gral?


Ein Röhrenamp der auch leise gut klingt und trotzdem Spielfreude vermittelt?Fehlanzeige! Es war definitiv nicht im Sinne des Erfinders, einen Röhrenamp leise zu spielen. Er braucht immer einen gewissen „Betriebsdrive“ um das gesamte Potenzial überhaupt entfalten zu können.


In meinem Beitrag Röhrenverstärker – müssen die wirklich so laut sein? habe ich den Test gemacht und das Ergebnis war eindeutig.


Außerdem reagiert ein Röhrenverstärker so sensibel auf das Eingangssignal, dass man ungeheuer dynamisch spielen kann. Das macht Spaß, klingt toll und fühlt sich gut an.

Obwohl ich der festen Überzeugung war, dass ein Gitarrist ohne vernünftigen Röhrenverstärker nicht ernst zunehmen ist und das digitale Zeugs niemals so “warm” und angenehme wie eine Röhre klingen und schon gar nicht mit der Dynamik eines Röhrenverstärkers mithalten kann, wollte ich meine Lautstärke bei gleichem Sound und gleichem Spiel-Feeling besser regulieren können.


Weniger Watt, Transistor- oder Modellingamp? Das alles kam für mich auf keinen Fall infrage. Warum? Weil der Sound-Unterschied für mich definitiv zu hören ist und es sich einfach nicht so gut anfühlt, wie mit der guten alten Röhre!


So fand mich die eierlegende Wollmilchsau!


Genau zu dieser Zeit, in der ich mit meiner großen „Sound & Lautstärke Verzweiflung“ kämpfte, hatte ich zufällig ein Gespräch mit einem Tontechniker einer Coverband. Der hat sich furchtbar über die 4x12 Box mit 100W Vollröhre Marshall vom Gitarristen aufgeregt und meinte, „Warum spielt der nicht Kemper? Das klingt doch genauso gut!“

In dem Moment habe ich ihm das natürlich nicht abgekauft, wurde aber zumindest neugierig.


Kurz darauf konnte ich den Kemper sogar live erleben. Als Tontechniker im Roadhouse habe ich unter anderem 2018 auch die Band Deram (jetzt PÄM) gemischt und deren Gitarrist kam mit einem 19-Zoll Gerät angetanzt. Das Ding verfügte über einen XLR-Ausgang und wurde per Midi-Board bedient. Alles rein digital und ohne Röhren.

Ich war sehr neugierig und mehr als skeptisch und die Überraschung war groß: das Ding hat wirklich einen großartigen Sound geliefert. Als Tontechniker war es für mich selten so einfach, einen guten Gitarrensound nach vorne zu bringen.


Also sprang ich über meinen Schatten und wagte einen Blick über den Tellerrand. Als Gitarrist ist das echt eine wahre Überwindung. Ich begann mich ausführlicher mit dem Kemper auseinanderzusetzen und habe mir gefühlt ALLE Youtube-Beiträge zum Thema reingezogen.


Die große Skepsis hat sich schnell gelegt. Der Kemper ist nämlich kein Modellingamp wie man sie überall findet, sondern ein Profiling Amp und verfolgt die Idee, dass er echte Röhrenamps vermisst und diese dann 1:1 nachbildet. Und das macht er unglaublich gut.


Der Kemper klingt mit dem richtigen Profil unglaublich gut, ist wahnsinnig flexibel, leicht zu transportieren und die Lautstärke ist zu 100% kontrollierbar!

Nach zwei Jahren Kemper habe ich folgende Vorteile für mich identifiziert:


  • Ein sensationelles Spielfeeling. Wie eingangs bereits erwähnt, ist eines der Hauptargumente für einen Röhrenverstärker die Anschlagdynamik. Dreht man das Gitarrenpoti leiser, wird der Verstärker clean, dreht man es auf, bekommt man volles Brett. Das kann doch nur ein echter (aber auch nur ein voll aufgedrehter) Röhrenamp. Falsch! Der Kemper kopiert das Verhalten eines voll aufgedrehten Amps und kann dieses dann exakt aber auch leise wiedergeben. Mir ist noch keinen Röhrenamp untergekommen, der so sensibel auf Anschlagdynamik reagiert wie der Kemper.

  • Den Sound-Möglichkeiten sind absolut keine Grenzen mehr gesetzt. Hundert verschiedene Amps (Vox, Marshal, Mesa Boogie, Orange, etc.) in nur einem Gerät! Das hat schon Charme. Ich habe lange nach kostenlosen Profilen gesucht und für cleane Sounds ein Profil von einem Original Fender Princeton Reverb aus den 60ern, für Zerr-Sounds dann den voll aufgerissenen Marshall Plexi (nur kontrollierbar) verwendet. Ich persönlich würde keinen Unterschied zu den Originalamps hören. Mein aktueller Favorit ist der 69 Marshall Pack von Michael Britt. Dabei wurde ein Amp in verschiedensten Einstellungen zigmal "geprofiled". Ich finde das dieses Pack für MEIN Setting mit MEINER Gitarre perfekt harmoniert. Es ist jedoch ein langer Weg bis man das „perfekte“ Profil gefunden hat. Vermutlich genauso eine endlose Suche wie die nach dem „perfekten Amp“. Profile von TAF (The Amp Factory) und Bert Meulendijk sind aus meiner Sicht auch sehr empfehlenswert.

  • Einfache Bedienung. Kemper bietet einfach unglaublich viele Funktionen und Möglichkeiten. Man hat - wenn man ihn zum ersten Mal bedient - sehr schnell den Dreh raus um die Grundfunktionen zu bedienen und zu verstehen. Allerdings braucht man schon eine Weile, bis man sich durch alle Einstellmöglichkeiten durchgerackert und auch alles verstanden hat. Es lohnt sich jedoch, Zeit zu investieren. Je besser man das Gerät versteht, desto genauer kann man den Sound zum Ideal bringen. Natürlich wird man auch mit der Bedienung schneller. Man sollte sich auf jeden Fall die Zeit nehmen um „seine“ Sounds zu finden. Auf Youtube gibt es zahlreiche Workshops die auch die Bedienung erklären. Wenn man es kapiert hat, ist es super leicht!

  • Update-Politik Einen großen Vorteil sehe ich bei der Update-Politik von Kemper. Das Gerät ist schon einige Jahre auf dem Markt. Trotzdem kommen laufend kostenlose Updates daher, die sehr viele neue Funktionen bringen. Dieses Jahr kam ein Update welches die Menüführung komplett überarbeitet hat. Es wurde damit wirklich um einiges einfacher und noch benutzerfreundlicher. Außerdem kommt demnächst eine Software namens „Rig Editor“. Damit kann man dann per USB den Kemper mit einem PC verbinden und direkt in der Software auf alle Parameter zugreifen und Sound basteln. Super praktisch. Ich freue mich schon seit Ewigkeiten auf diese Funktion!

  • Meine Lieblingsfunktionen Eine meiner Lieblingsfunktionen ist es, per Knopfdruck mehrere Effekte gleichzeitig zu wechseln und - wenn man möchte - gleich den Amp mit auszutauschen. Mein absolutes Top Feature ist jedoch die Möglichkeit, Sounds per MIDI Befehle zu wechseln. In meiner Band spielen wir mit Clicktrack und der Ablauf der Songs ist meistens festgelegt. Somit werden meine Sounds per MIDI-Befehl automatisch gewechselt. Ich muss beispielsweise nicht pünktlich zum Refrain beim Pedalboard stehen um von Clean auf Verzerrt zu wechseln. Das passiert alles automatisch und entlastet mein Gehirn. Dadurch macht das Spielen unendlich viel mehr Spaß!


Ist der Umstieg auf den Kemper gewöhnungsbedürftig? Geht das "Feeling" verloren?


Etwas gewöhnungsbedürftig ist einzig die Tatsache, dass der Sound jetzt nur noch aus der PA bzw. der Monitorbox kommt. Hier ist natürlich die Qualität der richtigen Gitarren- bzw. Monitorbox ausschlaggebend. Am besten, man geht direkt in die PA und schmeißt sich den Sound dann auf den Monitor. So hört man so genau das, was später auch das Publikum hören wird. Ein weiterer Vorteil: Der sensible Faktor der Mikroauswahl und Positionierung fällt ebenfalls komplett weg.


Da ich mit inEar spiele war der Umstieg von echter Röhre auf Kemper für mich persönlich sehr harmlos. Es klingt jetzt im Ohr einfach besser, weil ich nicht den Sound eines 100% echten Vox AC15 (welcher ca. 500€ kostet), sondern 90% vom Sound eines voll aufgerissenen Marshall Plexi aus den 80ern habe. Und das mit kontrollierter Lautstärke.


Im Proberaum haben wir die PA nicht eingeschaltet und somit bewegt meine Gitarre im Raum auch keine Luft. Das merkt man schon wenn man versucht etwas Feedback zu erzeugen, da das per Definition schon nicht geht. Live kommt normalerweise über die PA genug vom Gitarrensignal zurück, dass das Feeling wieder so wie "früher" ist.


Kemper ist mittlerweile auf vielen großen Bühnen zu finden: Die Toten Hosen, Rammstein, Mando Diao, Mark Knopfler, Paul Gilbert, Munky von Korn, die Liste ist endlos…

Lohnt sich die Investition?


Der Kemper ist kein Billigteil, dass man mal ebenso im Vorbeigehen kauft. Bevor man so viel Kohle ausgibt, sollte man zu 100% sicher sein, dass man mit diesem Ding auch richtig viel Freude hat.


Ich hatte die Möglichkeit den Kemper vorab auch auszuprobieren (Danke Luki). Ich war sofort überzeugt und habe nicht mehr lange gezögert und mir einen gebrauchten Kemper geleistet. Insgesamt habe ich 1.700 € für einen (gebrauchten) Kemper im 19 Zoll Format inklusive original Kemper Floorboard und 2 Expressionpedale ausgegeben. Alles im Rack eingebaut und sehr aufgeräumt. Das war zwar ein stolzer Preis aber wenn ich zusammenrechne, wie viel ich in der Vergangenheit für diverse Verstärker und mein Pedalboard ausgegeben habe, finde ich das im Verhältnis gar nicht mehr so schlimm. Man bedenke, dass man von dem ganzen Zeug dann nichts mehr benötigt.


Ob sich für dich die Investition lohnt, das kommt auf deine Wünsche an. Hast du keine großen Ansprüche an den Sound, dann ist es definitiv besser zu einem halbwegs guten Röhrenverstärker zu greifen und damit zu leben, dass es halt einfach etwas lauter ist.


Bist du jedoch der Typ Gitarrist der bereits den 5. Verstärker zu Hause hat und das 100. Pedal weil du nach dem perfekten Sound suchst? Dann ist der Kemper auf jeden Fall das Geld Wert. Für ca. € 2.000,- bekommst du grenzenlose Möglichkeiten.


Gefällt einem ein „Profil“ nicht mehr, lädt man ein Neues und man hat einen komplett anderen Grundsound. Jedes Profil kann auch sehr detailliert angepasst werden. Übertreibt man es mit den Einstellungen kann man ein Profil so weit verbiegen, dass es nichts mehr mit dem Original zu tun hat. Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Das kann natürlich je nach Sicht entweder Fluch oder Segen sein



Kemper Profiling Amp Power Rack vs. Rack vs. Profiler Stage vs. Head?


Du liebäugelst mit einem Kemper? Doch welche Variante ist für dich am Besten? Als allererstes sollte man sich die Frage stellen: brauche ich eine Box oder nicht?


Ich benötige keine Box und meine aktuelle Lösung sieht wie folgt aus:

Kemper Rack ohne integrierten Amp mit original Footswitch mit 2 Volume Pedalen. Im 19 Zoll Rack habe ich Kemper und Gitarrenfunk verbaut. In einem Extrakoffer wird der Footswitch transportiert. Gitarre am Rücken, linke Hand Kemper, rechte Hand Footswitch. Ich kann also mit einem Gang mein komplettes Gitarrenequipment transportieren.


Als ich meinen Kemper damals gekauft habe, gab‘s noch keinen Stage. Aus heutiger Sicht würde ich vermutlich zum Stage greifen, da dieser nochmal kompakter ist. Ich möchte nochmals betonen, dass ich keine Gitarrenbox betreibe. Sonst wäre der Kemper Stage eine schlechte Option.


Will man mit einem Kemper auf der Bühne „laut“ spielen, würde ich die Rack Version mit Verstärker empfehlen. Es bleibt trotzdem kompakt und man benötigt keine extra Endstufe. Man kann einfach eine Gitarrenbox seiner Wahl direkt anschließen.


Kemper hat gerade eine eigene Box mit linearem Frequenzgang rausgebracht, jedoch mit den typischen Charakteristiken einer Gitarrenbox. Bei der Box kann man in Kombination mit dem Kemmper die Lautsprechercharakteristik auf verschiedene Lautsprechertypen anpassen. Darunter sind auch einige Weltbekannte Lautsprecher wie dabei (die bekanntesten Celestion Vintage 30, Celestion G12M Greenback, Celestion G12M Creamback, Celestion G12 Blue) Ich habe sie noch nie live gehört, aber würde ich „laut“ spielen wollen, hätte ich vermutlich das Teil.


Die Head-Version würde ich nicht kaufen. Erstens ist mir die Bauform zu unpraktisch und es sieht meiner Meinung nach hässlich aus.


Du möchtest den Kemper mal ausprobieren?


Jeder, der scharf darauf ist dieses geniale Ding mal selbst auszuprobieren, der ist gerne eingeladen in unserer „MoWaRockt Homebase“ in Pöchlarn vorbeizuschauen. Schicke einfach eine persönliche Nachricht via Facebook oder schreibe uns eine kurze E-Mail an mowarockt@gmail.com

Noch was: Ich habe keinen Werbevertrag mit Kemper und will mit dieser Aktion auch nichts verdienen! Es würde mich freuen, mit euch einfach zu philosophieren und eine gemütliche Zeit zu verbringen. Gegen eine kleine Bierspende werde ich mich allerdings sicher nicht wehren :)


#TechTalk #Sound #Gitarre

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